Javas Vulkane und Balis Götter


Wir sitzen in gespannter Erwartung in 2500 m Höhe am Kraterrand des Vulkans Ijen im Osten der Insel Java. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen in das von 200 m hohen Felswänden umgebene tiefe Loch des erloschenen Kraters ein. Zerrissene Dampfschwaden kräuseln sich gespenstisch auf einer grünlichblauen Wasserfläche und wir haben den Eindruck vor einem gigantischen Giftkessel einer überdimensionalen Hexenküche zu stehen. Unter uns brodelt und zischt es. Schwefeldämpfe aus dem Erdinneren ziehen durch die klare Luft.
Blicken wir zur anderen Seite in Richtung Osten, erscheint die exotische Insel Bali wie ein Kegel aus dem schillernden Ozean - die Insel der Götter und Dämonen - dort wo unsere Erlebnisreise begann......

Vor zehn Tagen setzten wir unsere Stollenreifen zum ersten Mal auf die "Perle" im Indischen Ozean. Bali, eine Insel, die zum größten Inselreich der Welt zählt und immer noch voller Überraschungen ist, wird von einer dichten Vulkankette durchzogen. Sie gehört zu den facettenreichsten Inseln und , so sagen die Balinesen, durch ihre Pracht sei sie sogar vom Mond aus zu sehen.........

Die ersten beiden Etappen auf dieser so geheimnisvollen Insel führten uns zu einer tropische Schlucht. Tief unten ein Fluß, angeblich der " Ayung River". Wir überqueren den größten Fluß Balis auf einer Hängebücke und folgen nun einem schmalen Pfad inmitten der saftig grünen Reisterrassen. Die Landschaft strahlt eine unglaubliche Harmonie aus. Ein geniales Bewässerungssystem durchzieht die Inselsüdseite und wir lauschen dem beruhigenden Plätschern des Wassers. Einige hundert Meter weiter sind die Reisbauern mit dem Dreschen des Korns auf "klassische" Art schwer beschäftigt. Sie erzählen uns , daß der Reis in Bali besonders gut gedeiht und es bis zu 3 Ernten pro Jahr gibt. Ein kleiner Reistempel gleich am Rand der Terrassen, überfüllt mit Opfergaben, soll die Ursache dafür sein. Er ist der Reisgöttin "Dewi Sri" gewidmet und wird von den Reisbauern ganz besonders verehrt.

Wir schwingen uns wieder auf die Sättel, folgen den Bewässerungsgräben , den Adern Balis, und lauschen dem beruhigenden Spiel des Wassers...."Anda mau kelepa "?, tönt es plötzlich aus dem Kokosnußwald......, "du wollen Kokosnuß"? "Satu 10.000 Rupia"..... , eine für 10.000 Rupien? Zu viel, wir müssen handeln.....und schließlich gibt`s den frisch gepflückten Tropengenuß zum Preis von 3.000 Rupien (30 Cent). Wir genießen die frische Kokosmilch im Schatten der Kokospalmen und löffeln das weiche weiße Fruchtfleisch aus der harten Schale. Mit viel mehr Power läßt sich der Rest der heutigen Tour durch die grandiose Landschaft in der Nähe des Künstlerstädtchens Ubud zurücklegen. ............

Ein Duft von Fragipaniblüten gemischt mit dem Geruch frischer Gewürznelken, die der Sonne zum Trocknen ausgesetzt sind, zieht durch unsere Nasen. Wir umkreisen die auf Plastikplanen gelegten schon fast trockenen Reiskörner schwungvoll mit unseren Pneus. Auch die feurig roten Chilis läßt man nach dem Pflücken von der Sonne trocknen .Das Hochland ist sehr fruchtbar. Hier wächst und gedeiht außerdem noch Kaffee, Kakao, Vanille, Ananas und eine Vielzahl von tropischen Früchten.
Die Straße, eine Mischung aus Asphalt und Schotter, wird zur großen Caldera des Vulkans Batur immer steiler. Uns ist nach einer tropischen Erfrischung zumute und wir finden sie in Form einer großen grünen Frucht an einem der vielen Obststände.
Mit unseren Englischkenntnissen ist nicht viel zu machen. Hier oben , weit weg von den Tourizentren Balis heißt es "apa ini"?....was ist das?....und mit einem freundlichen Lächeln bekommt man prompt die Antwort...."sirsak", auf deutsch "Stachelannone", o.k., "lima potong" - fünf Stück.
Wahrscheinlich kann die nette dunkelhäutige Verkäuferin schon aus unseren Gesichtern lesen, daß wir nicht wissen, was wir mit diesem Tropengenuß anfangen sollen. Doch mit einem Schmunzeln zeigt sie uns auch noch das Geheimnis des Öffnens dieser exotischen Frucht.

Nach dieser köstlichen Zwischenmahlzeit legen wir die Ketten auf die großen Ritzel und klettern hinauf zur großen Caldera des "Gunung Batur".
Vor 78 Jahren ist dieses Ungeheuer zum letzten Mal ausgebrochen, dabei wurden 60.000 Häuser dem Erdboden gleich gemacht . Inzwischen ist es wieder etwas ruhiger um diesen Vulkan geworden. 1998 versetzte er noch einmal mit einer kleinen Eruption die Bewohner der Dörfer Kolombo, Pura Yati und Songan in Angst und Schrecken. Heute erkennen wir aus sicherer Entfernung, wie vereinzelt die Schwefelwölkchen aus dem "jungen" Krater gen Himmel ziehen.
Wir aber verabschieden uns mit einem kleinen Downhill vom Rand des "Batur" und blicken schon auf das nächste Gebirgsmassiv rund um den "Muschelberg" Batukaru. Einige kleine und größere tropische Schluchten meistern wir dank unserer High-End Bikes, mit Leichtigkeit. Erstaunt und etwas neidisch zugleich beobachten uns die einheimischen Radler, die ihre "Drahtesel" zweckendfremdet als Transportmittel für Kokosnüsse über die hügelige Landschaft schieben.
Inzwischen rollen wir hoch über dem Lake "Buyan" entlang eines alten Lavastromes und genießen noch einmal die Aussicht aus 1200 m Höhe auf den Indischen Ozean. Schön wellig ist das Gelände bis zum Ende des dritten Vulkansees "Tamblingan". Dann beginnt der fast endlose Downhill über 30 km.
Doch bevor die Bremsen zu glühen beginnen, ertönt der schrille Klang eines Gamelan- Orchesters aus dem dichten Grün der Bananenstauden.
Die Räder schnell an den Stamm einer mächtigen Kokospalme gelehnt, dringen wir in einer Mischung aus Neugier und gespannter Erwartung, in das Dickicht ein.
Dabei stellen sich unsere "Beinkleider" aus Lycra als völlig falsch heraus. Man trägt hier nur kostbare Sarongs aus Seide und Baumwollgemisch! Wir sind bei einer Hindu-Hochzeit gelandet!... Doch selbst unsere "falsche" Bekleidungsordnung hält die aufgebrachte Gesellschaft nicht davon ab, uns zu einem "Copi Bali" einzuladen.
Man führt uns zu einer Art Tempel. Der Priester, eine hagere und sehr markante Gestalt, beträufelt das Brautpaar unter den Gesängen der Hindus mit heiligem Wasser. Die Verschlüsse unserer Kameras klicken. Wir sind begeistert und gerührt zugleich....
Gefesselt durch diese farbenfreudige Zeremonie verlieren wir das Zeitgefühl und merken erst viel zu spät, daß die Sonne schon tief über der Insel Java steht. Bevor sie aber im glühenden Rot hinter dem mächtigen Vulkan "Ijen" versinkt, haben wir unser Ziel im "Menjangan" Nationalpark erreicht.

Für die nächsten zwei Tage lassen wir die Seele etwas baumeln, verarbeiten Eindrücke und erleben die bunte Unterwasserwelt rund um eine vorgelagerte Koralleninsel.

Gut erholt schippern wir nun mit der Fähre über die reichlich zwei Kilometer breite "Bali Stait". Ein frischer Wind schwirrt um die Ohren und einige Delphine begleiten uns auf der kurzen Überfahrt auf die Insel Java, das Herz des Archipels. Nicht weniger als 121 Vulkane reihen sich auf dieser Insel zwischen Serang im Westen und Banyuwangi im Osten aneinander. 27 von ihnen sind noch aktiv, doch nur einer soll unser Ziel sein!
Die ersten Kilometer zieht sich der Asphalt durch Zuckerrohr, die Steigung ist nur gering. Wir passieren zwei, drei Städtchen und "tanken" noch einmal Flüssigkeit. Zwei Männer begutachten unsere leichten "Alu-Rösser". Sie fragen "ke mana", wohin? Wir zeigen bergwärts und sagen "kawa Ijen"...Sie schauen uns fragend an, "bagus" ist die Antwort und wir sitzen auf..... Keiner hier kann verstehen, daß man diesen Berg mit dem Bike bezwingen will! Ja, die meisten Locals waren noch nie dort oben!
Inzwischen haben wir schon einige Dörfer, Kaffee- und Kautschukplantagen hinter uns gelassen. Hier oben im Hochland gibt es nur noch ein paar wenige Bienenzüchter. Der Bergurwald ist sogar etwas im Nebel verhangen und die Sonne versucht sich nur schwer durchzusetzen. Rechts und links wird die Natur immer wilder. Regenwald breitet sich aus. Die Straße wird immer enger. Rings um uns ein einziges zirpen, summen und schreien. Durch den dichten Wuchs sieht man sehr wenig. Nur selten raschelt es und wilde Affen ergreifen die Flucht auf die Wipfel der Urwaldriesen.
Die Trinkflaschen fast leer erreichen wir den Paß in 1500m Höhe. Der Eingang zum "Ijen"-Nationalpark ist nicht mehr weit. Zum Entspannen unserer Waden gibt`s erst einen 8 Kilometer langen Downhill in`s Hochplateau. Tiger und Leopard sollen hier in den mannshohen Gräsern vor Jahren ihre Beutezüge gemacht haben. Heute ist von diesen seltenen Tieren nichts mehr zu sehen. Sie sind ausgerottet wie im übrigen Teil der Insel Java.

Hier im Basislager erhalten wir Nachschub für unsere trockenen Kehlen und ein vorzügliches "nasi goreng" .Beim Lagerfeuer entfacht sich ein reger Meinungsaustausch in javanisch, indonesisch, englisch und deutsch. Wir sollten morgens bereits um 5 aufstehen um den Sonnenaufgang zu erleben, denn 3 Kilometer und 400 Höhenmeter sind es noch auf fester, sandiger aber steiler Piste bis zum Kraterrand, der berüchtigte "Schwefeltrail".

Jetzt aber haben wir es geschafft! Alles aus eigener Kraft. Keiner von uns mußte schwächelnd in den Begleitbus einsteigen! Wir sind ganz oben und blicken immer noch auf die glitzernde Küstenlinie des Indischen Ozeans, auf die Insel Bali und die umliegenden Vulkane Raung und Merapi. Die aufgehende Sonne sendet ihre warmen Strahlen auf den märchenhaft türkisblauen Kratersee.......

Hinter uns liegt ein tolles Abenteuer und vor uns noch ein gigantischer Downhill über 40 km durch tropischen Bergurwald, Kokos- und Kaffeeplantagen bis an die Küste des Indischen Ozeans.......

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TROPISCHER TURTLE TRAIL

Es grenzt schon an ein Wunder, wie die Meeresschildkröten den Weg zu ihrem Heimatstrand Sukamade finden. Neueste Erkenntnisse besagen, sie navigieren magnetisch. Wir jedoch brauchen schon eine genaue Straßenkarte, sehr viel Abenteuerlust und gute Bikes um an diesen abgelegenen Turtle Beach im Meru Betiri Nationalpark zu kommen.

Von Gilimanuk, dem westlichsten Zipfel der Götterinsel Bali geht die Fähre ständig über die "Bali Strait " zur größeren Nachbarinsel Java. Es sind nur etwa 2 Kilometer Seeweg, doch bei starker Strömung, verursacht durch die Gezeiten, dauert die Überfahrt etwa 1 Stunde bis zum Hafen in Ketapang. Auf der abenteuerlichen Fähre bläst uns ein frischer Wind um Ohren und Nase. Er vertreibt auch die dicken Wolken, die sich am nahe gelegenen Vulkan Ijen sammeln und läßt die Spitze des 2800 m hohen "Gunung Merapi" aus dem Wattebausch ragen.


In Glenmore schwingen wir uns auf die Bikes und folgen einer holprigen schmalen Straße, die uns durch kleine Dörfer führt. Bei der ersten Abzweigung biegen wir rechts in die Kakaoplantagen ein und folgen einem sandigen Trail. Teils Schotter, teils asphaltiert ist der erste Anstieg auf einen Paß und unsere Blicke schweifen über das grüne "Meer" aus Kokospalmen, Kaffee- und Kakaosträuchern bis auf die Berge des Raung-Massivs.
Dann tauchen wir ein in einen üppig grünen Regenwald, nur einige Hornbill-Birds begleiten uns auf diesem 10 km langen Downhill bis zum nächsten Dorf.
- "Hier brennt's" ruft Maria und zeigt auf die Rauchschwaden, die zum blauen Himmel ziehen und sich dort auflösen. Wir lehnen unsere Bikes an die Palmen und gehen neugierig zum nahe gelegenen "Brandherd". Süßlich riechende Düfte steigen auf und wir bemerken ganz schnell, daß es sich nicht um einen "gewöhnlichen" Hausbrand handelt. Viele fleißige Hände sind dabei aus Palmsaft den begehrten Red Sugar zu brauen und heizen ihre Kessel mit trockenem Holz mächtig ein! Abgefüllt wird die heiße klebrige Masse zum Erkalten in Bambusröhrchen. So sind die erkalteten rotbraunen süßen Zylinder reif für die Märkte in Glenmore, Ketapang oder Banyuwangi. Wir kaufen direkt beim "Hersteller" und müssen schon mächtig handeln um fast bei Sonnenuntergang einen "Morning Price" zu erzielen.
Trotz der längeren Kaufverhandlung erreichen wir noch unser Tagesziel, bevor die Sonne hinter der Green Bay verschwindet. Wir schlagen unsere Zelte direkt am Ozean auf und fahren in's nahe gelegene kleine Fischerdorf Rajegwesi. Dort gibt's noch reichlich frischen Fisch und wir haben die Wahl unter einer Vielzahl von Arten. Schließlich entscheiden wir uns für den Red Snapper, der uns ganz besonders angepriesen wird und einem Grillabend unter südlichen Sternen steht nun nichts mehr im Wege.

Von der Green Bay bis nach Sukamade sind es nur noch 20 Kilometer. Nach etwa 4 Kilometern Uphill durch tropische Vegetation bei übelster Pflasterstraße haben wir endlich einen längeren Downhill durch schönsten Urwald vor uns. Wir schlängeln uns vorbei an Lianen, üppigen Farnen und Urwaldriesen. Scheue schwarze Affen und kreischende Vögel beobachten uns aus den Wipfeln des dichten Blätterdaches. In der Tiefebene stellen sich einige klare Flüsse als Hindernis heraus. Brücken gibt es hier nicht, wahrscheinlich würden sie in der Regenzeit den Fluten zum Opfer fallen. Wir nutzen die Gelegenheit um ein erfrischendes Bad zu nehmen.

Die Sonne hat ihren Zenit schon längst überschritten als wir die letzten Kilometer durch Kakaoplantagen fahren, die von den Holländern zur Kolonialzeit einst angelegt wurden. Wir begegnen noch vielen Plantagearbeitern die mit den Bikes auf diesen Traumtrails unterwegs sind. Im Gegensatz zu uns haben sie ihre "Drahtesel" schwer beladen mit Kakaoschoten, Kokosnüssen, Gras oder Brennholz. Manches "Fahrzeug" hat sogar Überbreite, so daß wir auf diesen schmalen Pfaden ausweichen müssen.
Am späten Nachmittag erreichen wir das Basislager Sukamade und werden von den Guides herzlich empfangen, sind wir doch an diesem Tag die einzigen Besucher.

Pünktlich 21 Uhr beginnt unser kurzer Trip zum Turtle Beach. Wir sind voller Erwartung und folgen stumm unseren Guides durch den geheimnisvollen Wald. Nur selten brauchen wir unsere Stirnlampen, denn das weiße Licht des Vollmondes weist uns den Weg. Ab und zu ein Schrei aus dem undurchdringlichen Urwald, in dem noch Wildschweine, Echsen, Affen und viele verschiedene Vogelarten leben. Früher haben hier im "Meru Betiri" Nationalpark Tiger, Leopard und Panther gejagt, heute schweben noch einige Fledermäuse geräuschlos durch die Lüfte und fangen die lästigen Mücken.

Nicht ganz so geräuschlos schleppt sich eine mächtige Meeresschildkröte durch den Sand in die Dünen. Sie ist zur Eiablage gekommen und sorgt heute für reichlich Nachwuchs unter den Green Turtles. 108 Eier hat sie in den feuchtwarmen Sand gelegt. Mit Schnaufen und letzten Kräften erreicht sie nach 2 Stunden wieder das Meer, ihren eigentlichen Lebensraum. Etwa 2 Monate später werden die jungen "Schildkrötenbabys" schlüpfen und, dank ihrer guten Navigation, kurze Zeit später den Weg in`s Meer recht schnell finden.


Hätten wir nur einen kleinen Teil dieses genialen Navigationssystems, würde uns die Rückfahrt vom "Ende der Welt" nach Bali viel leichter gelingen.......

Wir danken dem Team vom "Meru Betiri" Nationalpark für seine freundliche Unterstützung.

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Die Welt der Vulkane

Es ist kalt in 1850 m Höhe, auch wenn man fast am Äquator ist. Alex hat das Zelt längst verlassen, aber er zieht sich noch einmal den Schlafsack im Stehen übern und murmelt saukalt ist's!
Es wird dir gleich warm ruft Werner unser Tourleiter und wir folgen ihm auf dem Schwefeltrail, der uns bis zum Krater des Vulkans Ijen bringt. Die Sterne leuchten noch am südlichen Firmament und eine Stille begleitet uns auf einem Pfad durch den Bergurwald bis zu den armseeligen Hütten der Schwefelträger.
Nun beginnt sich der Himmel über der Insel Bali langsam in Rot zu tauchen. Im Gestrüpp beginnt es zu leben. Eine Mischung aus Vogelsang und Kreischen ist um uns die nächsten 2 Kilometer. Auch die Affen sind schon aufgewacht und warnen ihre Artgenossen durch laute Schreie. Vor langer Zeit haben Leoparden und Tiger hier in den Büschen gejagt, erzählt uns Werner, doch letztere sind ausgestorben, nur noch ein Leopardenpärchen wurde in letzter Zeit einige Kilometer entfernt am schwefelhaltigen Wasserfall gesichtet.

An einem Felsvorsprung müssen wir wieder in den "Gänsemarsch" wechseln, doch dann wird der Pfad wieder breiter und wir haben die erste tolle Aussicht auf den Vulkan Rauung und das Ijen Plateau. Ganz atemlos genießen wir diesen Blick auf die gigantische Landschaft nicht, denn nach 3 Kilometern bergauf ist unser Puls doch etwas gestiegen.

Längst haben die Sonnenstrahlen die kalte Luft erwärmt, wir ziehen unsere Jacken aus. Auch Alex trennt sich vom wärmenden Schlafsack, den er immer noch über den Kopf gestülpt hatte. Es ist nicht mehr weit, lächelt Werner, vielleicht noch 10 Minuten, dann haben wir den Rand des Vulkans erreicht.

Die ersten Schwefelträger kommen uns bereits entgegen. Trotz ihrer Last von 75 bis 100 Kilo begrüßen sie uns mit "Pagi" (guten Morgen) oder einem "Hallo" und fast jeder lächelt dabei. In Gummistiefeln, Badeschlappen oder gar barfuß tragen sie die leuchtend gelbe Last bis zur 3 Kilometer entfernten Basisstation.Was für ein kräftezehrender Job!
Nicht ganz so kräftezehrend sind die letzten Höhenmeter für uns bis zum Blick in den Krater, der uns aber den Atem stocken läßt. Fassungslos schauen wir in die von 200m hohen Felswänden umgebene Schwefelmine mit angrenzendem grünblauen Kratersee. Ab und zu dringen die Sonnestrahlen durch die geisterhaften Sulfurschwaden und lassen die Schwefelmine unwirklich gelborange wie einen Hexenkessel leuchten. Wir genießen die Aussicht und blicken noch einmal in die Ferne, denn ganz hinten am Horizont spuckt der Semeru ( 3700m) eine mehrere hundert Meter hohe Wolke aus Rauch und Asche aus dem Erdinneren aus. Gewalige Kräfte werden frei......, ein Augenblick, den wir nie vergessen werden!
Das ist nichts Ungewöhnliches erklärt uns Werner, denn die Insel Java wird von einem Feuergürtel durchzogen und außer den Vulkanen Ijen und Semeru gibt es noch 25 aktive Feuerberge auf dieser Insel.

Thaddi

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Der letzte Weg der Schwarzen Stiere

Die königliche Verbrennungszeremonie am 15. Juli in Ubud /Bali


Innerhalb einer Stunde wusste am Abend des 28. März ganz Ubud, dass Tjokorda Gde Agung Suyasa - das Oberhaupt der königlichen Familie- im Krankenhaus von Denpasar nach langer Krankheit verstorben war. Tausende harrten schweigend vor dem Palast, um dem Sarg des Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. 10 Tage vorher verstarb schon Tjokorda Gde Raka, ein Cousin. Dieser war gerade beigesetzt worden und seine Verbrennung für Anfang April angesetzt. Die Verbrennung eines direkten Sprosses der königlichen Familie erforderte allerdings weitaus mehr Vorbereitung. Priester legten den 15. Juli als Termin für das "penelobon", die große königliche Verbrennung fest. Der Verstorbene wurde einbalsamiert und im Totenturm des Palastes so aufgebahrt, als würde er schlafen. Symbolische Mahlzeiten wurden gereicht, Kaffee und Tee standen neben seiner Bahre, alltägliche Utensilien wie Kamm und Spiegel in Reichweite. Täglich kamen Menschen aus ganz Bali und benachbarten Inseln, um dem Toten ihren Respekt zu erweisen
Es wurde beschlossen, dass die sterblichen Überreste aller, die in den letzten Jahren verstorben waren, ihre letzte Reise zusammen im Gefolge ihres Oberhauptes antreten werden. Desak Raka, ein Zweitfrau von Tjokorda Gde Raka, die 2007 verstarb, sollte ihm ebenfalls folgen.
"Wird ein Mensch geboren, so stirbt ein Geist, stirbt ein Mensch wird ein Geist geboren." Balinesen glauben an den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Wichtigste Voraussetzung für eine Wiedergeburt ist die Trennung der Seele von allem Irdischen, durch die Verbrennung der sterblichen Hülle. Der Status des Verstorbenen, bestimmt den Aufwand für diese Zeremonie. Das Oberhaupt der Königsfamilie von Ubud braucht dann eine der größten Zeremonie überhaupt.
Über Wochen war eine Strasse an der zentralen Palastkreuzung für die aufwendigen Vorbereitungen gesperrt. Hunderte von Handwerkern, Malern, Holzbildhauern aus ganz Bali arbeiteten auf den großen Tag hin. Innerhalb von sechs Wochen entstand im Zentrum von Ubud eine provisorische Totenstadt. Für den Transport der sterblichen Hüllen wurden gigantische "bade" -Transporttürme- errichtet. Der Größte war fast 30 Meter hoch und hatte ein Gewicht von 11 Tonnen. Für die Verbrennung selbst entstanden drei "lembuh", schwarze Stiere als Symbole des Königshauses. Der hohe Rang von Tjokorda Gde Agung Suyasa verlangt außerdem, das ihm eine "naga banda" eine Himmelsschlange auf der letzten Reise begleitet. Für 68 in jüngster Zeit Verstorbene wurde eine Allee aus kleinen " petak"- Totenhäusern errichtet, angefüllt mit filigranen Opfergaben der Familien. Die Tage gehörten den Handwerkern und Künstlern. In den Nächten wurde den Verstorbenen mit Tänzen und Opfer-Zeremonien gedacht.

      


Am Nachmittag des 13. Juli wurde in einer feierlichen Prozession die "Naga Banda"- Symbol des Koenigs, begleitet von einem de Schwarzen Stiere vom Tempel "Pura Dalem" zum Plast gebracht. Tausende von Balinesen, unter ihnen die höchsten Priester der Insel, nahmen daran teil. Doch war dies nur ein Vorgeschmack auf das Hauptereignis!
Am 15. wurde ich am frühen Morgen von Motorsägen geweckt. Die Bäume an der 1 km langen Prozessions-Strasse vom Palast zum Verbrennungsplatz mussten den gigantischen Transportschreinen weichen. Ab 8.00 war die Stromversorgung gesperrt, weil man alle quer verlaufenden Elektrizitätskabel abhängen musste. Kurz darauf wurde Ubud für den gesamten Verkehr gesperrt. Hektische Vorbereitungen im Zentrum. 68 phantastisch gestaltete, mythische Fabelwesen werden die 68 sterblichen Hüllen bei der Massenverbrennung ins Jenseits tragen. Sie stehen nun in Reih und Glied, um dem Schwarzen Stier von Desak Raka zu einem anderen Verbrennungsplatz zu folgen. 7000 Männer aus Ubud und Umgebung bereiteten sich darauf vor, die gewaltigen Symbole von Tod und Wiedergeburt über einen Kilometer weit zu tragen.
Gegen 11.00 senkte sich vorübergehend Stille über das Zentrum. Zusammen mit Ehrengästen aus aller Welt nimmt die Familie in einer privaten Zeremonie Abschied von den Verstorbenen. Undurchdringliche Menschenmassen vor dem Palast. Trotz der Mittagshitze sind alle Dächer selbst in angrenzenden Nebenstrassen überfüllt. Anfeuernde Rufe der Träger, werden über die Köpfe Zehntausender Zuschauer weiter getragen.

      


Ein Feuerwehrwagen sprengt die Strasse- drängt die Schaulustigen gleichzeitig zur Seite. Das Schauspiel nimmt seinen Lauf. Dutzende Gamelan-Orchester heizen Zuschauer und Akteure mit ekstatischen Rhythmen an. Davor die Witwe mit einem Bild des Verstorbenen. Es folgt eine Abordnung der Palastgarde und des Sultans von Yogyakarta, man ist verwandt seit Jahrhunderten. Wieder dröhnen Gamelans, hunderte festlich gekleideter Frauen balancieren Opfergaben auf ihren Köpfen, ein "who-is-who" der Balinesischen Oberschicht. Die Garde des Palastes von Ubud in ihren prächtigen Kostümen. Ein Junges Paar, auf zwei Sänften getragen, symbolisiert vergangene Macht und gegenwärtigen Einfluss des Königshauses. Dann gehört die Strasse den Stieren. Unter ekstatischen Rufen folgt der erste tonnenschwere Stier. Im Laufschritt auf den Schultern von Hundert Trägern wird er an jeder Straßenkreuzung um die eigene Achse gedreht, er schwankt manchmal bedrohlich. Alle paar Hundert Meter wechselt sich die Mannschaft ab. Gamelan und Schreie heizen die Atmosphäre weiter an. Der Stier des Tjokorda Suyasa naht, größer, noch prächtiger. Gamelan, anfeuernde Schreie, die Strasse kocht. Der erste Verbrennungsturm folgt. In fast 30 Meter Höhe begleitet jeweils der ganz in Gold gekleidete, älteste Sohn den Verstorbenen ein letztes Mal. "Naga Banda" die Himmelsschlange geleitet den Leichnam des Koenigs. Auf ihrem Podest die höchsten Priester der Insel, durch Meditation in Kontakt mit den Göttern... So hoch über dem Alltag der Menschen stehend, dass man sie nur an solchen Tagen zu Gesicht bekommt. Der Zug stockt weil sich einer der Flügel des Turmes in einem noch größeren Baum verfangen hat. Unter lautem Gebrüll, Trillerpfeifen, Gamelan wird er schließlich mit Verstärkung weiter gezerrt, geschoben, geschleppt. Das höchste Bauwerk das Ubud seit Jahrzehnten sah ist wieder frei.

      


Dann Zehntausende auf dem großen Platz vor dem "Pura Dalem", dem Unterweltstempel. Volksfest, erwartungsvolles Verharren, Andacht. Eine Balinesische Verbrennung ist alles zugleich immer auch ein Grund zur Freude, kehrt doch ein Familienmitglied zumindest vorübergehend zurück zu den Göttern. Die Stiere werden nacheinander auf ein hohes Podest gehoben. Über eine gewaltige Himmelstreppe werden die beiden Särge herunter getragen. Zahlreiche Zeremonien sollen sicher stellen, daß die Reise der Seelen ohne Komplikationen abläuft. Die in weiße Seide gehüllten Leichname werden in den Stieren platziert. Letzte Opfergaben werden gereicht. Nun der Moment der Himmelsschlange, die den Verbrennungs-Platz drei mal umkreist, Familie und Verstorbene segnet.
Die Sonne ist bereits versunken als die erste Flamme aufleuchtet. Die brennende "Naga Banda" geleitet die Seelen zu den Göttern. Im Nu stehen beide Stiere und die Schlange in hellen Flammen. Als der Mond über dem Tempel erscheint, bricht der erste Stier in sich zusammen. Grosse Gasdruckgebläse sorgen dafür, daß die Verbrennung schnell und vollständig erfolgt. In gewaltigen Funkenstürmen kehren die Seelen zweier großer Männer zurück zu den Göttern.
Zeitgleich, in einem weiteren spektakulären Schauspiel folgen am anderen Ende von Ubud die Seelen von 68 Verstorbenen unter Führung des Stieres der Grand Old Lady der Seele Ihres Koenigs...
I Wayan Sutra, ein begnadeter Maler und Holzschnitzer und ein guter Freund war an den Vorbereitungen von Anfang an beteiligt. "Ich war den Goettern noch nie so nahe wie in dieser Zeit, erfüllt mit Stolz und Demut."


"…während dieser Verbrennungsrituale empfinden die Balinesen größte Freude, nicht… Trauer, weil sie der Vollendung der heiligsten Pflicht dient, die Seelen der Toten zu erlösen." (Miguel Covarrubias, 1946)

Jürgen Posse